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Time to say Goodbye: „Schön war’s, schöööön!“

Florian Meigen ist Assistent von Sky-Kultkommentator Fritz von Thurn und Taxis. Am letzten Samstag feierten die beiden ihr großes Finale – und zwar in doppelter Hinsicht. Meigen hat seine Erlebnisse in Berlin sehr humorvoll niedergeschrieben.

Freitag, 26.05.2017 - vormittags:

Anreise per Flugzeug. Im Gepäck u.a.: die Opta-Spielvorbereitung (500g, 120 Seiten), #FritzLove-T-Shirt (100g), Taschentücher für die Tränen der Trauer (25g), meine Frau (k.A.). Großes Hallo am Gate. Gutgelaunte, optimistische und friedliche Frankfurt-Fans ohne Ende. Telefonat mit dem Chef. Inhalt: Treffen morgen zum Kaffee und einem „Stückerl“ Kuchen im Hotel Savoy, Fasanenstraße.

Freitag, 26.05.2017 - nachmittags:

Einchecken im Hotel, Werderscher Markt. Nebenan Menschenmassen am Gendarmenmarkt. Mit orangenen Tüchern um den Hals. Spielt Holland? Bin ich am falschen Ort gelandet? Ach nein, ist ja auch noch Evangelischer Kirchentag in Berlin. Ein Kilometer weiter am „Alex“ besingen sie dann den Fußballgott gleichen Namens. Also hier sind die Frankfurter. Strikt getrennt von den BVB-Fans am Breitscheidplatz, diesem unglückseligen Ort vom Weihnachtsmarktattentat. Ob das ein böses Omen ist? Im Nachhinein nicht, aber freitags noch nicht zu beantworten.

Mit der S-Bahn raus zum Olympiastadion. Akkreditierung abholen. Geht nur persönlich. Sonst nur üblich bei Weltmeisterschaften, aber auch der DFB reagiert auf die Lage in der Welt. Am Bahnhof Zoo färbt sich selbige „schwatzgelb“ (auf gar keinen Fall anders herum). Hier tobt jetzt schon der Bär. Wie das wohl erst morgen aussieht? Akkreditierung ging so flott, da hat sich der weite Weg kaum gelohnt. Wird morgen aber auch anders.

Freitag, 26.05.2017 - abends:

Die Ruhe vor dem Sturm. Mit der Frau in „Caveman“ im Admiralspalast. Comedy vom Feinsten. Frau gegen Mann. Recommended! Absacker mit dem Sky-Team. Ohne Fritz von Thurn und Taxis. Also quasi mit „the best of the rest“.

Samstag, 27.05.2017 - vormittags:

Frau lässt mich sitzen. Temporär. Gegen die Friedrichstraße bin ich chancenlos. Der „Caveman“ hat’s gestern angekündigt. Mir ganz recht. Letzte Vorbereitungen im Cafe am Gendarmenmarkt um die Ecke. Das Mitschleppen der Opta-Mappe musste ja einen Sinn haben. Die Kirchentagler schlafen noch, alles schön ruhig.

Samstag, 27.05.2017 - nachmittags:

Bullenhitze. Frischmachen. Per S-Bahn zum Bahnhof Zoo zu Fritz. Auch der ist mit Frau angereist. „Amateure!“ schimpft der Kollege Jens Westen, seines Zeichens Field-Reporter. Warum auch immer. Netter Plausch bei Kaffee und Kuchen. Fritz bekundet: a) seinen Gefallen am SLN-Interview, b) sein Bedauern, Niko Kovac nicht getroffen zu haben („Keine Chance, der ist im Tunnel!“), c) seine Vermutung, Thomas Tuchel nur noch ein Mal als BVB-Trainer die Hand schütteln zu dürfen. Ich verlasse einmal mehr meine Frau, temporär, und die beiden TTs, temporär. Brauche drei S-Bahnen, um mitzukommen. Nur noch schwarz und gelb am Bahnhof Insektenzoo. Die Eintracht-Fans müssen die U-Bahn nehmen zur anderen Seite des Olympiastadions. Kollision strengstens verboten. Gott sei Dank hat Fritz einen Shuttle heute Abend. Der wäre per ÖPNV nie angekommen.

Samstag, 27.05.2017 – 17:00 – 18:00 Uhr:

Die Massen schieben sich langsam zum Olympiastadion vor. Alles sehr gesittet und friedlich. Einlass 17:30. Die Büdchen und Kneipen machen das Geschäft des Jahres. Große Metalldetektoren scannen die Besucher, Security tätschelt zusätzlich. Aber ich habe gehört, dass Pyrotechnik in Körperöffnungen transportiert wird. Da nutzt kein Detektor und kein Kontrolleur was. Auch die Presse muss sich outen. Gott sei Dank hab ich die Fackeln heute zu Hause gelassen.

Der TV-Compound platzt aus allen Nähten, die ARD macht wieder Familienausflug. Mit unserem Geld. Scholli, Bommi, Jessy (Wellmer) – alle schon da. Sky stellt Päddi (Wasserziehr) und Westen dagegen. Und Loddar, der flinken Schrittes daherkommt. Bei den Kommentatoren heißt es Simon vs. FTT – Celebrity Deathmatch.

 

Samstag, 27.05.2017 – 18:00 – 19:00 Uhr:

Probezeit: Komm-Platz, Field, Tisch und das Ganze zurück. Zwischendurch hektisches Treiben bei den Sendungsplanern: Bekommen wir HELENE vor Anpfiff oder nicht? Ja? Nein? Okay, nur drei Fragen. Aber keine zum Spiel? Deal! Ach, doch nicht? Nur eine? Ist die Begrüßung denn schon mitgezählt. Am Ende wird es Sky zu dumm – Interview abgesagt. Kein Wunder, dass die ausgepfiffen wird.

Fritz, der Große, fliegt ein. Bussi hier, Schulterklopfen da. ALLE, wirklich alle, freuen sich, von ganzem Herzen, bei seinem letzten Sky-Spiel dabei sein zu dürfen. Steffen Simon sagt gönnerhaft: „Von mir aus können alle bei dir zuschauen“. Und weiß insgeheim, dass nur 4,2 Millionen im Besitz eines Sky-Abos sind.

Sven Troester, Chefredakteur der Datenfirma OPTA Sports, und ich tragen Fritz zu Ehren ein #FritzLove-T-Shirt (100g), machen ein Foto und schicken es auf direktem Wege zu FUMS.

Die Massen fluten das Olympiastadion. Die Dortmunder besetzen die Marathontorkurve, die Frankfurt die Ost gegenüber. Stand 18:30: klarer Lautstärkevorteil bei der Eintracht.

 

Samstag, 27.05.2017 – 19:00 – 20:00 Uhr:

19:00: Sendebeginn. Off-Air muss sich Lothar am Tisch von Thomas Tuchel wegen seines Elfmeterfehlschusses 1984 aufziehen lassen. Ausgerechnet von Thomas Tuchel! Dafür haut ihm Lothar on air um die Ohren, dass 40% für seinen Rausschmiss sind. Auch nicht nett.

19:10: Aufsager Fritz. Von Wettergöttern, Fußballgöttern und richtigen Göttern. Allein schon einen Arbeitsnachweis bei FUMS wert.

19:30: Das Stadion ist fast voll und so laut wie zuletzt bei AC/DC. Attila, der Frankfurter Steinadler, sitzt bei immer noch 28 Grad träge auf dem Falknerhandschuh. Nur nicht bewegen, und viel trinken. Zum Abendessen gab’s (nur) eine halbe Taube. Der Temperaturen wegen, sagt der Falkner. Er sagt es in tiefstem Hessisch, sodass ich anfangs „Traube“ verstanden hatte. Der hat’s auch nicht gut, dachte ich, bevor sich das Missverständnis aufklärt.

19:40: Der Pott wird einmal kurz auf den Sockel gestellt, zur Probe. Ich eile. Zum Foto. Pustekuchen. Ein Ordner, Typus „Mann ohne Hals“, verhindert das. Schade. Kurzer Plausch mit Kati Witt, die Fritz schon 1984 (!) in Sarajewo getroffen hat. Wir erfahren: Sie wollte das goldene Kleid auf keinen Fall anziehen. Modebedingt. Aber der böse DFB hat darauf bestanden. Ein Grund mehr von 75.000 permanent gedisst zu werden.

19:45: Dortmund schlägt Frankfurt, was die Vereinshymnen angeht. „You’ll never walk alone“ gewinnt gegen „Eintracht vom Main“. 2:0 beim Verlesen der Aufstellungen, aber Nobby Dickel („Jeder kennt ihn, den Held von Berlin“) kann keiner toppen.

19:50: Weil das Helene-Fischer-Interview weggebrochen ist, sind wir früher oben auf Sendung. Auch gut. Da kann Fritz in aller Ruhe Oberstleutnant Christoph Scheibling, den Leiter des Musikkorps der Bundeswehr, vorstellen. Ist doch auch was.

19:52: Die Eintracht verkürzt mit einer Mega-Choreo in der Kurve. Nur noch 1:2. Hoppla, Hellseher? Die Dortmunder ärgern sich, weil sie keine Kurve haben. Nur zwei halbe, dazwischen das blöde Marathontor, aus dem jetzt Kati und die wilde Horde kommt.

19:55: Fritz verhackstückt die Kleidergeschichte und schlägt vor, Kati beim nächsten Mal nur mit all den umgehängten Goldmedaillen loszuschicken. 75.000 hätten nichts dagegen.

19:55-20:00: Die obligatorische Nationalhymne, mit kurzem Zwischenschnitt von Martin Schulz (Rhenania Würselen), Frank-Walter „Prickel“ Steinmeier (TuS Brakelsiek) und Gerhard „Acker“ Schröder (TuS Talle).

20:01: Neben dem Platz gleicht die Eintracht aus. Die fahnendauerschwenkende Ostkurve in Schwarz-Weiß gleicht einem Ameisenhaufen. 140.000 Euro soll die Gesamtchoreografie gekostet haben (exklusive Pyrotechnik), zu der der Verein ganze 0 Euro (in Worten Null) beigesteuert hat. Beide Vereine bekommen aber offiziell zwei Punkte fürs Zündeln abgezogen, also wieder 0:0.

20:03: Fritz legt sich mit dem Wettergott („zu heiß“) und den Pyrotechnikern („Idioten“, „Ich seh nix und es stinkt“) an.

20:08: Ousmane Dembélé, oder Dömbölö, trifft. Vallejo, oder Wajecho, sieht schlecht aus. Tut der Frankfurter Schwenkerei keinen Abbruch. Nach wie vor spitze, die SGE-Fans.

20:29: itsch-itsch-itsch, allerorten. Gacinovic auf Rebic, Gott sei Dank nicht auf Seferovic – Tor, 1:1. Fritz geht fuchtelnd aus dem Sattel, das Sacko längst weggeworfen, egal, er braucht’s ja eh nie wieder, die (offene) Sprudelflasche tänzelt über der Sprechstelle, fällt aber nicht. Puh - „Kurzer“ vermieden. Damit geht Fritz im Bottleflip in Führung. 1:0 gegen unbekannt.

20:33: Ein vorletzter, legendärer Cross-Promo-Hinweis: „Wenn ich Aubameyang und Dembele sehe, denke ich an Formel 1“. Bäng!

20:36: Gacinovic, Rebic und Seferovic – Pfosten. Wie einst Sokrates, Junior und Zico. Die Unvollendeten. Ein Frankfurt-Fan empört sich per WhatsApp. „Seferovic, die Flachpfeife.“

20:50: Halbzeitanalyse mit Wasserziehr und Matthäus. Thema: Vallejos Abwehrverhalten. „Schülerhaft“ sagt Lothar. Ich denke lange darüber nach, was genau er damit meint.

20:53: Endlich. ‘S Helene. Mein Handy läuft heiß. Ich solle doch bitte schön mal die Handynummer der dunkelhäutigen Background-Sängerin besorgen („Die mit dem Afro!“). Klar, so wie ich auch Sky-Dekoder und Abos „besorgen“ kann. Ohne Kopfhörer kann ich mich mit Fritz nicht unterhalten. Die Pfiffe sind ohrenbetäubend. Komisch, mit Kopfhörer geht’s. Teufel, Teufel, ARD.

20:59: Die Sprudelflasche ist sicher verstaut. Weiter geht’s. Was macht Tuchel? Er wechselt doppelt und offensiv – vielleicht auch bald den Verein?

21:23: Die Dortmunder Führung durch Aubameyangs 40. Pflichtspieltreffer. Lässiger Elfer. Ich vermisse den Namen „Panenka“ im Kommentar. Sei’s drum.

21:32: Fritz‘ ultimativ letzter Verweis auf eine andere Sky-Sport-Sendung gerät zum flammenden Appell an den Reporter Heiko Mallwitz, der vom America’s Cup in Bermuda berichtend doch bitte nicht verloren gehen soll. Prall gespannter Bogen, würde ich sagen.

21:48: Abpfiff. Wieder ‘ne Message aus der Heimat vom Eintracht.-Fan. „Blöder Scheiß. Da war so viel mehr drin. Bin bedient.“

21:53: Ein Blick in die Gesichter von Watzke und Rauball sagt alles. Und Tuchel denkt sich. „Ätsch!“

21:55-22:20: Abgesang mit allem, was dazu gehört. Rauball flüchtet beim Interview mit Jens Westen: „Ein Wort zu Thomas Tuchel?“. Tuchel selber am Tisch wie auf Drogen. Pokalübergabe, Konfetti, aber keine Bierduschen. Die sind beim Finale seit vier Jahren verboten.

22:21: Schließlich, time to say goodbye. „Also meine Damen und Herren, es ist soweit. Ich darf mich herzlich von Ihnen verabschieden und mir ist heute ein Spruch in den Sinn gekommen (…), bisschen altmodisch.“ Und dann, famous last words: „Ein Handkuss für die Damen und einen schönen guten Abend den Herren und der Jugend. In diesem Sinne: Es war mir eine Ehre für sie kommentieren zu dürfen“, spricht der Grandseigneur der Kommentatorenriege und geht. Ich frage mich wie Marcel Reif das formuliert hätte.

22:40-23:45: Biere (1-4) mit den Kollegen der Redaktion und Produktion, mit denen ich so viele gemeinsame Stunden verbracht habe. Die Massen ziehen von dannen, genauso friedlich wie zu Beginn, es wird wieder ruhiger.

23:45: In der S-Bahn sitze ich fast alleine. Am Kudamm steppt der Bär. Sehe ich im Vorbeifahren. Der Gendarmenmarkt hat von alledem nichts mitbekommen, meine Frau auch nicht. Sie schläft. Ich lasse die vergangenen 16 Jahre Revue passieren. Worte meines Sohnes kommen mir in den Sinn, meine last famous words: „Schön war’s, schöööön!“

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