"Ich liebe den Amateurfußball, weil er so authentisch ist. Herrlich würde Fritz jetzt sagen."

Wenn Fritz von Thurn und Taxis für den Pay-TV-Sender Sky Fußballspiele kommentiert, sitzt Florian Meigen an seiner Seite – seit nunmehr 16 Jahren. Nächste Woche, nach dem DFB-Pokalfinale in Berlin, gehen die beiden „in Rente“. SLN bat den Linzer und den Idar-Obersteiner am Rande des letzten Bundesligaspiels in München zum Doppelinterview.

 

SLN: Herr Meigen wie wird man eigentlich Kommentator-Assistent? Wie kamen Sie persönlich dazu, bei Sky Fritz von Thurn und Taxis zu assistieren?

FM: Über ein redaktionelles Praktikum beim Vorgängersender Premiere. Ich war noch Student in Saarbrücken und mir damals nicht ganz sicher, ob ich überhaupt Lehrer werden wollte. Also habe ich vieles ausprobiert. Scheinbar habe ich bei Premiere keinen ganz schlechten Eindruck hinterlassen, denn zwei Wochen nach Praktikumsende hat mir der damalige Fußballchef Benno Neumüller angeboten, Fritz‘ Assistent zu werden, als Nachfolger übrigens von Jörg Schmadtke, der als Manager nach Aachen gewechselt war. Da überlegt man dann natürlich nicht lange. Jörg Schmadtke hat mich dann im November 2001 beim Spiel Bremen gegen Bayern eingearbeitet. Aber wieso ich der Auserwählte war? Fritz?

TT: Ich weiß eigentlich auch nicht mehr ganz genau, wie es war. Es musste damals sehr schnell gehen, weil Jörg von einer Woche auf die andere in Aachen eingestiegen ist und Florian war ja gerade da – also hab ich gesagt: „Ich probiere das mit dem!“ Nach zwei Spielen war mir dann klar: das passt!

SLN: Herr von Thurn und Taxis: die schönsten Stadien der Welt, Fußballspiele auf Profiniveau – der Beruf des Kommentators ist für viele ein Traumjob. Aber auch als Kommentator bekommt man nicht immer leichte Kost vorgesetzt, ab und zu ist auch einmal ein wirklich schlechtes Spiel dabei. Was war für sie die am schwierigsten oder unangenehmsten zu kommentierende Partie?

TT: Puh, das ist schwer. Ich habe ja unzählige Spiele kommentiert, aber es ist ja so: Auch wenn es manchmal zäh war, war ich nicht beleidigt. Durch eine gute Vorbereitung kann man ja so viel abdecken, weil wenn nun ein Spiel schlechter ist oder zäh, dann kann man auch ein paar Anekdoten bringen, dann kommt man sehr gut drüber und dann verändert sich der Kommentar eben für einen Moment. Die Leute sind ja eh vom Spiel gelangweilt und bekommen dann noch wenigstens ein paar interessante Dinge mit auf den Weg, sodass ich jetzt nie sagen kann, ich hätte am liebsten das Headset weggeschmissen. Ich bin ja so drin und lebe das Spiel und habe mir so viel erarbeitet, dass es trotzdem interessant ist.

SLN: Und im Umkehrschluss das beste Spiel?

TT: Diese Frage bekomme ich natürlich häufig gestellt, aber auch hier fällt es mir brutal schwer eine vernünftige Antwort geben. Die großen Spiele, die wichtigen, natürlich wegen ihrer Wertigkeit. Das erste große Finale im Fußball, das ich live kommentiert habe, war 1991 in Rotterdam Manchester United gegen Barca, mit Alex Ferguson und Johann Cruyff an der Linie. Das war schon toll, das hat mich begeistert. Ein WM-Eröffnungsspiel 2002 in Seoul, wenn man weiß, dass da die ganze Welt zuschaut. Und dann gibt’s natürlich außergewöhnlich gute und dramatische Spiele, die hängen bleiben, wie zum Beispiel das 4:4 vom BVB gegen Stuttgart 2012. Das Papierkugel-Spiel HSV gegen Bremen. Aber ein Spiel, wo man sagt, das hat jetzt alles getoppt, kann ich gar nicht benennen.

SLN: Herr Meigen, als Assistent des Kommentators sind Sie dafür zuständig, etwaige Fehler oder Missverständnisse in der Kommentierung zu korrigieren – inwieweit ändert sich dadurch die eigene Betrachtungsweise des Spiels?

FM: Die grundsätzliche Betrachtungsweise ändert sich nicht großartig. Ich habe ja auch beim Zuschauen bestimmte Vorstellungen, was Analyse und Taktik angeht. Die bringe ich dann ein, wenn’s passt, aber man muss 90 plus X Minuten hoch konzentriert sein und viele Dinge unter einen Hut bringen – dem Kommentator gut zuhören, das Spielgeschehen intensiv beobachten, mit dem Kollegen von der Datenerfassung und dem Ablaufredakteur im Ü-Wagen kommunizieren und so weiter. Davon bekommt der Chef ja selten etwas mit …

SLN: Ich stelle mir das teilweise kompliziert vor. Herr von Thurn und Taxis ist mitten in einer Redephase, Sie, Herr Meigen, müssten ihn jedoch eigentlich auf etwas aufmerksam machen. Wie läuft da die Kommunikation zwischen dem Kommentator und seinem Assistenten ab?

FM: Technisch per Headset. Fritz ist ein Vollprofi, der meine Informationen auf dem Ohr mit dem gerade ablaufenden Spielgeschehen kombinieren kann, aber natürlich versuche ich, seine Sprechpausen zu treffen. Dafür entwickelt man im Laufe der Zeit ein gutes Gespür. Mittlerweile ist das wie bei einem alten Ehepaar. Ich weiß häufig schon vorher, was gleich kommen wird und kann mich darauf einstellen.

SLN: Da kann es sicherlich mal passieren, dass man aneinander vorbeiredet. Was war das größte Missverständnis zwischen Ihnen beiden?

TT: Ich kann mich ehrlich gesagt an keines erinnern.

FM: Hhhmm, es kam natürlich in der all der Zeit schon einmal vor, dass ich eine falsche Info weitergegeben habe …

TT: … ja, aber ein Missverständnis ist etwas anderes, als wenn ein falscher Name fällt. Etwas Gravierendes ist zwischen uns in all der Zeit nie passiert und das hat uns ja auch ausgezeichnet.  

SLN: Das digitale Zeitalter und Social Media haben mittlerweile auch den Fußball und sogar die Kommentatorenriege erreicht. Herr von Thurn und Taxis, ihre besten Sprüche in einem Spiel werden regelmäßig von der Facebook-Seite FUMS zusammengetragen. Denken Sie, dass sich durch die Digitalisierung allgemein etwas im Fußball und speziell etwas in der Arbeitsweise der Kommentatoren und Journalisten geändert hat?

TT: Ja natürlich hat das Auswirkungen. Die größte Gefahr sehe ich für uns Kommentatoren im Speziellen, aber auch alle Medienleute im Allgemeinen darin, dass viele in die Versuchung gebracht werden, Dinge zu tun, die man sonst nicht tut, zum Beispiel Sprüche vorbereiten und damit eine Rolle spielen, eine Nummer zu werden, um damit nach vorne zu kommen, mehr „Follower“ zu bekommen. Ich stelle mir das zumindest so vor, ich mach das alles ja nicht, bin weder auf Facebook noch Twitter. Ich habe noch nicht mal WhatsApp. Mein Florian muss mir noch klassische SMS schicken.

FM: Es wird ja heute auch nach dem Spiel und sogar während des Spiels digital alles verwurstet, was der Kommentator sagt, im positiven wie im negativen Sinne.

TT: Das kann man ja auch gar nicht mehr vergleichen. Früher wurden wir Kommentatoren nur interessant bei großen Ereignissen, Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften, denn da haben viele Verlage, viele Zeitungen eigene Leute abgestellt, um nur eine Fernsehkritik zu machen, in der Regel mit negativem Ausgang für die Kommentatoren und Moderatoren, weil die Konkurrenz so groß war. Sonst interessierte das im Grunde gar nicht und wir haben ja auch viel viel weniger Live-Spiele gemacht, das Angebot war viel kleiner. Zudem wussten auch die Zuschauer weniger und haben sich auch nicht so dafür interessiert. Was die Kommentatoren damals gesagt haben war das „Wort zum Sport“. Durch die Digitalisierung sind wir sicherlich populärer und prominenter geworden …

FM: …aber auch gläserner …

FTT: … und damit auch angreifbarer. Jeder kann heute alles zu allem sagen, sofort und unwiderruflich.

SLN: Herr Meigen, neben ihrer Tätigkeit bei Sky sehen Sie privat auch viele Fußballspiele auf Amateurebene. Für viele sind die Profis in Sachen taktischem Verständnis und spielerischem Vermögen ein Vorbild. Aber was können denn umgekehrt die Stars von den Amateuren lernen?

FM: Das Ursprüngliche. Dass auch Profi-Fußballer Bestandteil der realen Welt sind. Wenn ich mir das letzte Meisterschaftsspiel der Bayern anschaue, das war fürchterlich, weil übertrieben inszeniert. Auswechslungen, zugegebenermaßen von verdienten Spielern, die drei Minuten dauern, Anastacia, die einfach weitersingt, obwohl 22 Spieler weiter kicken wollen, GoPros auf Biergläsern, die nur zum Verschütten von Bier auf dem Platz sind. Ich liebe den Amateurfußball, weil er so authentisch ist. Da fallen mal unflätige Wörter von draußen und drinnen, wenn’s regnet wird man eben nass, es riecht nach Bier und Wurst, man trifft Bekannte zum Fachsimpeln -  herrrlich würde Fritz jetzt sagen.

SLN: Kürzlich der Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB, der Terror rund um das Länderspiel der Nationalmannschaft in St. Denis, dann die Absage des Länderspiels in Hannover – die Terrorismusgefahr scheint nun auch im Bereich des Fußballs eine Rolle zu spielen. Geht man mittlerweile auch als Journalist mit einem mulmigen Gefühl ins Stadion? Sind vor allem die Großveranstaltungen wie WM und EM noch sicher?

TT: Ich fühle mich überhaupt nicht bedroht, aber man ist heuer generell etwas wachsamer. Da schaut man schon mal, wer geht denn da mit einem komischen Rucksack am Bahnhof um die Ecke. Aber im Stadion? Nein, da hatte ich nie Angst bisher. Aber man darf sich auch nichts vormachen. Letztlich erfolgte Gott sei Dank der Anschlag von Dortmund nicht durch eine Organisation, sondern von einem Einzelnen, aber natürlich wird unser Leben enger und die Vorsichtsmaßnahmen überall größer. Auch wenn wir noch so oft sagen, dass wir uns unser Leben nicht beschneiden lassen, ist es zwangsläufig eben doch so.

FM: Ich sehe das wie Fritz. Und doch hat sich vieles verändert: bei der Einfahrt ins Stadion wird das Auto mit Spiegeln untersucht, Metalldetektoren etc. Aber auch ich hatte nie wirklich ein mulmiges Gefühl. Ich denke, diese Vorsicht wird unser tägliches Leben begleiten. Darauf müssen wir uns einstellen.

SLN: Herr von Thurn und Taxis, nach über 45 Jahren im Fernsehen hören Sie nach der Saison bei Sky auf. Was hat letztlich den Ausschlag für die Entscheidung gegeben? Müssen wir in Zukunft ganz auf Sie verzichten oder gibt es schon Pläne für neue Projekte in der Zukunft?

TT: Es ist wie es ist. Irgendwann ist jetzt halt mal Schluss nach so langer Zeit bei Sky. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, das so zu machen zu diesem Zeitpunkt, auch in Absprache mit Sky. Jetzt ist aber in der Zwischenzeit ein solcher Hype entstanden, dass das eine oder andere Angebot mal an mich herangetragen wurde. Darüber werde ich im Juni in aller Ruhe nachdenken und dann entscheiden, ob und wie es weitergeht. Jetzt kommt erst einmal das Pokalfinale – habe ich auch noch nie gemacht. Da freue ich mich ungemein drauf.

SLN: Herr Meigen, wie geht es für Sie denn zukünftig weiter?

FM: Naja, mein Sozialplan steht ja schon seit Längerem … Nein, im Ernst. Ich bin mit Leib und Seele Lehrer an der Heinzenwies. Dort gehe ich jeden Tag gerne hin. Auch wenn ich die sporadischen Ausflüge in die große weite Welt des Fußballs logischerweise vermissen werde. Vielleicht engagiere ich mich nebenher doch einmal in der kleinen lokalen Welt des Fußballs, wer weiß.

TT: Du weißt aber schon, dass du Stand-by bleiben musst? Wie Rune Bratseth damals bei Otto Rehhagel …

SLN: Herr von Thurn und Taxis. Jetzt haben Sie knapp16 Jahre eng mit einem „Idar-Obersteiner Jungen“ zusammen gearbeitet. Haben Sie die Stadt mal persönlich kennengelernt? Welche Assoziationen verbinden Sie mit Idar-Oberstein? Könnten Sie sich einen Besuch in der Zukunft einmal vorstellen?

TT: Ich war bisher noch nie da, aber selbstverständlich will ich meinen lieben, alten Freund Florian mal besuchen. Die erste Assoziation, entstanden durch unsere Gespräche, ist immer die Grillstelle am Haus, und zwar an jedem Holz offenes Feuer, Eichenholz?

FM: Buchenholz!

TT: Buchenholz. Ich stelle mir das alles so vor. Ich weiß ungefähr, wo die Schule ist, sehe eine wunderbare Landschaft. Wie hieß noch gleich der Schauspieler, der dort zu Gast war?

FM: Bruce Willis, der hat sogar in Idar-Oberstein gelebt.

TT: Das weiß ich doch, das habe ich mal in einer Talkshow angebracht, weil du mir das erzählt hast. Also ich weiß Einiges theoretisch und stelle mir das vor, aber natürlich muss ich dann die Reise mal antreten.

FM: Sehr gut. Spätestens, wenn du dein Buch, das du hoffentlich mal schreiben wirst, vorstellst. Dann verschaffe ich dir eine Lesung in unserer örtlichen Buchhandlung. 

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