#11 - Politisches Engagement wieder schätzen

Wenn ich über Dinge nachdenke, die anders besser wären, fallen mir natürlich zunächst Missstände bei Staat und Verwaltung ein. Aber auch wir Bürger sind natürlich nicht frei von Fehlern. Dazu will ich eine kleine Geschichte erzählen.

Ich war nicht ganz 19, als ich begann, mich politisch zu engagieren. Bis heute habe ich dafür keinen Cent Geld bekommen, aber eine ganze Menge Geld selbst ausgegeben. Nicht, um etwas zu werden, sondern tatsächlich aus Überzeugung. Ich vergesse nie eine Begegnung an einem Samstagmorgen in der Idar-Obersteiner Fußgängerzone, es muss der Landtagswahlkampf 2001 gewesen sein, mitten im eiskalten Winter. Während viele andere in meinem Alter noch im Bett lagen, standen ich und einige andere Liberale an einem Wahlstand und versuchten vorbeihuschende Menschen mit Inhalten von einem Kreuz für unsere Partei zu überzeugen. Ein paar Meter weiter ging es Mitglieder anderer demokratischer Parteien nicht anders. Wie aus dem Nichts begann ein Mann mittleren Alters, sicher nicht schlecht situiert, uns zu beschimpfen. Sein Hauptanliegen: Es sei eine Schande, wie wir uns hier als hochbezahlte Handlanger von ihm als Steuerzahler bezahlt die Taschen vollmachten. Ich war perplex und hakte den Vorfall zunächst als "Wieder so ein Spinner" ab. Aber in den Jahren danach passierte so etwas noch häufiger.

Es dauerte eine Weile und viele Gespräche, bis ich begriff: Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass die allermeisten Menschen, die sich politisch engagieren, dies aus purer Überzeugung tun - und dafür nie in ihrem Leben Geld erhalten (oder auch nur danach fragen würden). Am heutigen Wahltag wird eine Partei, die es schafft, den Zorn auf all diese engagierten Menschen zu bündeln, in den Bundestag einziehen. Sie wird dort, wie auch in den Landesparlamenten auch, nichts zustande bringen außer schlechtem Benehmen und Skandalen. Das muss eine Demokratie aushalten. Und das wird sie auch. Was mich allerdings unglaublich ärgert, ist dass die Lautsprecher der AfD ganz nebenbei auch all diejenigen, die sich heute als Wahlhelfer einen Sonntag um die Ohren schlagen, um das Königsrecht der Demokratie zu garantieren und sauber abzuwickeln, unter einen Generalverdacht stellen, sie würden manipulieren. "Wahlbeobachter" wie in Diktaturen sollen diesen Ehrenamtlichen über die Schultern gucken. Das ist zwar nicht verboten - aber es ist eine Farce, dass das genau diejenigen sein werden, die zum Gelingen unserer Gesellschaft am allerwenigsten beitragen.

Mein Vorschlag daher: Machen wir uns wieder bewusst, dass bei aller berechtigter Kritik an politischen Entscheidungen und Entscheidern die allermeisten "Politiker" sich ehrenamtlich engagieren. Sie investieren ihre Freizeit, wenn andere es sich gut gehen lassen. Sie sorgen dafür, dass es in den Gemeinden eine funktionierende Friedhofsordnung gibt oder die Abwassersysteme instand gehalten werden. Ohne diese Menschen würde unser Land einfach nicht funktionieren. Sie haben daher nicht unsere Verachtung, sondern unseren Respekt verdient. Heute, im Wahllokal, ist eine gute Möglichkeit, einfach einmal danke zu sagen. Und sich in Zukunft vielleicht auch zweimal zu überlegen, gegen wen man am heimischen Küchen- oder am öffentlichen Stammtisch austeilt. Ein Blick in den Spiegel könnte eine gute Alternative sein. Und übrigens: Neue Mitstreiter - Engagierte für unsere freie und demokratische Gesellschaft - werden immer gebraucht!

 

Dieser Beitrag ist der Abschluss der Serie #11Dinge zur Bundestagswahl.

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