#6 - Ein neues Narrativ für Europa

Ich muss gestehen, ich habe tatsächlich Hoffnungen in die Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat gesetzt. Nicht nur, dass ich es gut gefunden hätte, einen ernsthaften Wettkampf um die Kanzlerschaft zu erleben.

Vielmehr hatte ich die Hoffnung, dass mit dem ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten eine Debatte in den Wahlkampf gebracht wird, die meiner Meinung nach seit Jahren überfällig ist (und auch von Angela Merkel verschleppt wird): Wie sieht die Zukunft der Europäischen Union aus?

Ich habe selbst 2004 für das Europaparlament kandidiert und kann mich noch gut daran erinnern, wie anders damals die Diskussion lief. Die Europäische Einigung mit EU und Euro als sichtbarsten Meilensteinen stellte damals von links bis rechts niemand in Frage. Man diskutierte, wie Europa demokratischer werden könnte, wie der Erweiterungsprozess laufen sollte - lauter Dinge, die den weiteren Weg nicht infrage stellten, sondern nur unterschiedliche Antworten im Detail ermöglichten. 

Heute sieht das anders aus. Es ist fast schon normal, auf Europa zu schimpfen. Dass die EU das größte "Friedensprojekt" der Geschichte ist - wahrlich keine kleine Leistung - lockt heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Frieden und Freiheit scheinen selbstverständlich geworden zu sein. Aber das sind sie nicht. Wenn der Blick nach hinten aber nicht mehr zieht, muss man nach vorne blicken.

Mein Vorschlag daher: Wir brauchen ein neues Narrativ, eine neue Erzählung für Europa. Wie das aussehen kann? Eine abschließende Antwort darauf habe ich - natürlich - nicht. Ich bin ja nicht größenwahnsinnig. Aber ich glaube, dass uns die vielen Menschen, die derzeit nach Europa streben, beim Finden einer guten Antwort helfen können. Denn was wir selbst nicht mehr zu sehen in der Lage sind, scheint für sie offensichtlich. Europa ist der letzte verbliebene Hort von Freiheit und Demokratie, Menschen- und Bürgerrechten - und der Verknüpfung von alldem.

Es mag Gegenden geben, die wirtschaftlich erfolgreicher sind derzeit. Aber was gelten dort die Freiheitsrechte? Und was die Idee der Demokratie? Ich glaube, es gibt genügend Gründe, jetzt schon auf unser Europa stolz zu sein. Aber vielleicht müssen wir noch ein paar Schritte nach vorne wagen, damit das auch wieder offensichtlich wird. Dann kommt die Erzählung, die die Menschen wieder mitreißt, von ganz alleine.

 

Christoph Giesa, der in Idar-Oberstein sein Abitur absolvierte, ist für verschiedene Zeitungen und Verlage als Kolumnist und Publizist tätig. In seiner Reihe zur Bundestagswahl '#11Dinge, die anders besser wären', wirft er einen Blick auf Themen fernab, der altbekannten Debatten, die seiner Meinung nach wenig Visionäres enthalten. 

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