„Kriegst du das denn nicht anders hin?“

Meine Freundin und ich haben jeweils unsere Töchter zum Ganztagsprogramm der Grundschule angemeldet und wenn wir das erzählen, begegnen uns solche Fragen wie „Kriegst du das nicht anders hin?“ oder „Musst du das denn wirklich?“. Was steckt eigentlich hinter diesen Fragen – eine ganze Menge.

Ich gebe zu, dass ich mich über diese Fragen zunächst mal richtig ärgere. Darauf zu antworten, bedeutet, sich zu verteidigen. Das sind im Grunde auch keine Fragen, das sind unaufgeforderte Rückmeldungen zu einer durchaus sehr persönlichen Entscheidung.

Solche Fragen machen ein schlechtes Gewissen. Der Vorwurf, der da mitschwingt, ist am Ende der, dass gute Eltern zusehen, dass ihre Kinder nicht in der Schule zu Mittag essen und an der Nachmittagsbetreuung teilnehmen, dass Kinder besser groß werden, sich besser entwickeln, wenn sie ab 12 Uhr zuhause sind, dort essen und ihre Hausaufgaben machen. Wenn ich es auf die Spitze treibe, interpretiere ich folgende Botschaft: Man ist keine gute Mutter bzw. kein guter Vater, weil man sein Kind in die Ganztagsschule schickt - Harter Tobak!

Jetzt erst mal ganz tief Luft holen und langsam bis 10 zählen, schon geht es wieder. Vielleicht sind die Fragen ja gar nicht so böse gemeint. Und warum rege ich mich dermaßen darüber auf? Ich glaube, ich weiß es. Diese Fragen, so unangemessen und vorwurfsvoll sie zweifelsohne erscheinen, lassen wieder etwas hochkommen, was mein Verstand bei der Entscheidung für oder gegen eine Anmeldung zum Nachmittagsprogramm der Grundschule lapidar abgetan hat: Ein ungutes Bauchgefühl, meine eigene Unsicherheit. Ein Zweifel, der sich schwer greifen lässt.

Idealerweise wird eine solche Entscheidung gemeinsam mit dem Kind besprochen und getroffen, nachdem alle Optionen ausgelotet, Gespräche mit den Erzieherinnen geführt wurden und man sich über das Angebot der Grundschule informiert hat. Danach war mein Verstand überzeugt, die richtige Entscheidung zu treffen. Zwangsläufig kommen bei der Einschulung des Kindes auch Erinnerungen an die eigene Grundschulzeit.

Und jetzt wird es klar: Wir Eltern waren nun mal keine Ganztagsschüler, wir haben es anders erlebt, kennen es nicht aus unserer eigenen Schulzeit. Das ist also der Grund für das ungute Gefühl – wären wir zum Beispiel in Frankreich aufgewachsen, wäre es eben völlig normal, ein Kind in die Ganztagsschule zu schicken. Diese Erkenntnis erklärt so einiges. Zum einen kann man das Bauchgefühl jetzt besser verstehen und aushalten. Zum andern dürfte der Umstand, dass man selber anders aufgewachsen ist, ein Grund sein, Ganztagsschulen gegenüber skeptisch zu sein oder eben auch solche Fragen zu stellen.

Ich denke, dass die Ganztagsschule gut tut, entscheidend sind dabei natürlich das Angebot aus Ruhephasen, Hausaufgaben und Hobbys am Nachmittag und die Qualität der Betreuung. Es ist gut, dass darüber die Eltern individuell selber entscheiden können: Je nach Angebot der Schule, nach Lebensumständen, nach den individuellen Bedürfnissen des Kindes. Die Nachmittagsbetreuung in der Grundschule – wie übrigens bereits in den Kitas – gehört ganz klar zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf dazu und sie trägt der Lebensrealität vieler Familien Rechnung. Außerdem gibt es Familien, die auf diese Form der Betreuung absolut angewiesen sind – ihnen gegenüber sind Fragen wie „Musst du das denn wirklich?“ anmaßend und respektlos.

Morgen beginnt ein neues Schuljahr und ich wünsche allen Schülern viel Spaß und Erfolg sowie ganz besonders den ABC-Schützen einen richtig guten Start in den neuen Lebensabschnitt.

 

Eva Milisenda ist 39 Jahre und kommt aus Idar-Oberstein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des SPD-Kreisverbandes Birkenfeld und Mitglied des Jugendhilfe- sowie Schulträgerausschusses der Stadt Idar-Oberstein. Die Diplom-Kauffrau arbeitet als Teamleiterin im Rechnungswesen der Landesbank Baden-Württemberg in Mainz, ist verheiratet und Mutter einer 6-jähringen Tochter.

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