Der Druck der unbegrenzten Möglichkeiten

Dieser Tage startet an den Universitäten in Rheinland-Pfalz wieder das neue Wintersemester, was für die Neuankömmlinge an den deutschen Hochschulen gleichbedeutend ist mit Einführungsveranstaltungen der Fachschaft und Kennenlern-Kneipentouren. Meine Erstsemesterzeit liegt nun schon ein Stückchen in der Vergangenheit und dennoch ist mir einiges geblieben.

Erste Kontakte, die sich zu Freundschaften entwickelt haben, sowie das elektrisierende Einleben in eine neue Stadt, in der ich mich heute zuhause fühle. Aber vor allem auch ein Stück weit Verwunderung. Verwunderung darüber, dass ich offenbar bei Studien- oder Ausbildungsstart zu einer Minderheit gehöre. Eine Minderheit, die es im Alter zwischen 18 und 25 noch nicht geschafft hat, mindestens drei Kontinente, Südostasien und natürlich den Klassiker Australien zu bereisen und dort mindestens ein Jahr ihres Lebens zu verbringen, weil man sich ansonsten nur als besserer Tourist bezeichnen darf. Ich lauschte gespannt, den Geschichten, die meine neuen Kommilitonen über ihre Zeit im Ausland zu berichten hatten.

Über eine zweiwöchige Safari im tropischen Regenwald von Brasilien, Wellenreiten im Surfers Paradise an der Gold Coast von Australien und wilde Partynächte am Strand von Bali. Viele schilderten ihre Erlebnisse mit einem ansteckenden Enthusiasmus. Dennoch breitete sich in mir in den kommenden Tagen gleichzeitig auch ein gewisser Druck aus. Für mich hatte es sich schon wie ein großer Schritt angefühlt, nach dem Abitur in eine neue Stadt zu ziehen und zu studieren. Obwohl ich in der Phase zwischen Abitur und Studium mit meinen Freunden eine unfassbar aufregende Zeit in meiner Heimatstadt verbringen konnte, wirkte das alles irgendwie klein im Vergleich zudem, was die anderen erlebt hatten. Ich hatte das Gefühl mit meinen zwanzig Jahren etwas verpasst zu haben, was ich eigentlich noch gar nicht machen wollte.

Wir leben in unserem Land in einem Zeitalter, das uns unfassbare Möglichkeiten offenbart, für die wir Jahrhunderte lang gekämpft haben. Gleichberechtigung, Ehe für alle, die Möglichkeit in ein paar Stunden per Flugzeug die halbe Erdkugel zu passieren und währenddessen noch mit all unseren Freunden und unserer Familie zu kommunizieren. Wir haben Zugang zu einer unfassbaren Fülle an Ausbildungsberufen und Studiengängen, in denen wir uns verwirklichen können. Gleichzeitig zeichnen soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook ein Bild von Menschen, die scheinbar 24/7 für ihren Erfolg arbeiten, dabei die Welt bereisen, drei Stunden am Tag Sport treiben und viermal die Woche auf Partys gehen, während ich mich zu meiner wöchentlichen Joggingrunde zwingen muss und es Abende gibt, an denen ich mir nichts mehr wünsche, als einfach nur mit meinen Freunden ein paar Bierchen trinken zu gehen.

Gebe ich mich zu leicht zufrieden? Werde ich es irgendwann bereuen, meine Nächte mit Leuten zu verbringen, mit denen ich schon ewig befreundet bin in einer Stadt, die wir eigentlich schon in- und auswendig kennen? Sollte ich nicht lieber am anderen Ende der Welt neue Erfahrungen sammeln? Sich diese Fragen zu stellen, scheint im Jahr 2017 Normalität zu sein. Es gibt Tage an denen ich zehn Dinge neue Dinge gleichzeitig angehen will. Mehr Sport treiben, noch eine neue Sprache lernen, vielleicht doch noch mal in eine andere Stadt ziehen, oder sogar ein anderes Land? Noch mehr Praktika, mehr Zusatzqualifikationen – ich könnte jedes dieser Dinge einzeln versuchen, aber um diesem Leben wirklich gerecht zu werden, müsste ich wenn dann schon alles machen, schätze ich. Das könnte schwierig werden.

Viele meiner jüngeren Bekannten, die sich gerade in der Endphase ihrer schulischen Laufbahn befinden, wissen nicht so recht, was sie danach beruflich machen sollen. Eine Ausbildung oder doch lieber noch das Studentenleben genießen? „Hör mal, du hast doch alle Möglichkeiten“, unken dann die Verwandten, wenn sich ihre Sprösslinge schwer damit tun, eine Entscheidung über ihre Zukunft zu treffen. Das ist korrekt. Jedoch ist bei 1.000 verschiedenen Möglichkeiten auch die Chance hoch, dass man erst einmal die falsche wählt.

Das Vertrackte an unbegrenzten Möglichkeiten ist das man sich selbst das Gefühl auferlegt, auch so viele wie möglich wahrnehmen zu müssen. Aber warum eigentlich? Das Tolle an den vielen Optionen ist doch, dass ich für mich selbst die wenigen aussuchen kann, von denen ich das Gefühl habe, dass sie zu mir passen. Für die einen ist das die Welt zu bereisen, für die anderen in der Heimat alte Freunde wiederzutreffen und für die nächsten wiederum eine Mischung aus beidem. Manche wollen politisch etwas verändern, wieder andere engagieren sich in sozialen Belangen. Nur alles von allem geht eben nicht, also sollten wir aufhören, es von uns selbst zu erwarten.

 

Tim-Julian Schneider

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