Was gleich war, was sich nicht verändert hatte, war der Geruch. Dieser Duft, der durch die weiten und offenen Straßen wehte, den er nicht hätte beschreiben können, wenn ihn jemand danach gefragt hätte, den er aber in dem Moment wiedererkannt hatte, als er nach drei Stunden Fahrt seine Autotür zugeschlagen hatte. Das passierte manchmal, immer seltener.

Aber in gewissen Zeitabständen überkam ihn doch dieses Gefühl, kurz zurückzumüssen, sich zu erinnern, zu vergewissern, vielleicht auch nur für eine Sekunde diesen Duft einzuatmen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dass er die klare Luft in seine Lungen gepumpt hatte, unberührt von städtischer Industrie oder Abgasen des Großstadtverkehrs. Es lag eine gewisse Ruhe in der Luft. Seine Autoscheinwerfer blinkten zweimal, als er die Tür abschloss und einfach ging, wohin hatte er nicht geplant, aber er wusste, dass er sich hier treiben lassen konnte. An der Kreuzung bog er links ab, in die kleine Fußgängerzone, sah den Kiosk, wo er und seine Freunde früher nach der Schule ihre ersten Biere getrunken und Zigaretten gepafft hatten. Werner, der Besitzer des Kiosks, war ein gutmütiger Mann, der den Kindern nie mehr gab, als sie vertrugen, sich selbst aber das ein oder andere Mal eine Flasche zu viel genehmigte. Vor drei Jahren schrieb ihm Michael, ein alter Schulfreund, eine Mail, nach sechs Jahren Funkstille. Ob er die Anzeige gesehen hätte. Die Todesanzeige von Werner. Hatte er nicht. Wie auch, er wohnte drei Stunden weg und las nicht mehr die Lokalzeitung. 93 war Werner, als er starb. Das war nun zehn Jahre her.

Sein Kiosk schien mittlerweile in eine Art Pizza-Imbiss-Dönerbude umfunktioniert worden zu sein und aus irgendeinem Grund versetzte es ihm einen kurzen Stich. Immerhin hatten sie die Currywurst, Werners Spezialität, auf der Karte gelassen. Er schlenderte weiter durch die Stadt, an den Läden vorbei, die schon lange geschlossen hatten. Es war Freitagabend und wurde langsam dunkel. Ihm fiel auf, dass viele Schaufenster, die früher vollbepackt mit Spielwaren, Sportartikeln oder Damenmode waren, heute dunkel und leer brach lagen. An der Eisdiele an der Ecke, wo es die größte Auswahl an verschiedenen Schokoladensorten der Stadt gab, wurde langsam der Ladenschluss vorbereitet, Schirme eingespannt, Stühle zusammengerückt. Dort hatte man früher immer jemanden getroffen, egal zu welcher Tageszeit, man konnte sich sicher sein, dass es sich jemand gerade in den bequemen weil gut gepolsterten Stühlen gemütlich gemacht hatte. Bei passenden Temperaturen konnte man sich beflügelt durch die Gelato-Geschmacksexplosion kurz in einer Seitengasse Venedigs wähnen.

Die Sonne verschwand nun endgültig hinter den Häuserdächern, ihm wurde ein bisschen kühl. Ihm begegneten bemerkenswert wenig Menschen, in Anbetracht der Tatsache, dass Wochenende war. Ein paar Jugendliche rauchten auf einer Bank und hörten schnelle Rapmusik, die er nicht verstand. Vielleicht war er auch zu schnell vorbeigegangen. Aus Erikas Bar hörte er gedämpfte Musik. Er überlegte kurz, ob er reingehen sollte, ob es vielleicht komisch wäre. Aber warum eigentlich nicht? Es wäre doch spannend zu sehen, wie die jungen Leute heute an den Tischen sitzen würden, wie er damals mit seinen Freunden, wie sie heute an der Theke die nächste Runde orderten, über ihre Zukunft redeten, als wäre es surreal, unendlich weit weg, unbeschwert, zuhause.

Er trat ein, fand nichts dergleichen vor, ging an die Theke und bestellte ein Bier. Erika war nicht da, es bediente eine Frau Mitte dreißig, die er nicht kannte. In der Ecke zockte ein Mann am Automaten. Er selbst saß da, trank sein Bier und betrachtete die Jukebox in der Ecke. Sie war nun außer Betrieb, aber es hatte eine Zeit gegeben, in der sie einem alle Wünsche erfüllte, wenn man nur genug Geld dabeihatte. Eine Zeit, in der Erikas Bar voll war, man fast über die Theke schreien musste, damit der Gesprächspartner einen verstand. Damals war das Licht gedämpfter gewesen, ein bisschen schummrig.

Und sie hatte ihn angelächelt, ihre Weinschorle genommen und war an die Jukebox gegangen. Er trinkt sein Bier und sieht sie vor sich, wie die Jukebox ihren Song spielt und wie sie dazu tanzt. Durch einen Nebel aus Rauchschwaden, die in der Luft hängen, fallen ihr die rote Locken sanft über die Schultern, während sie sich zu der Musik sanft hin und her bewegt. Eigentlich mag er das Lied gar nicht, aber er mag es, es mit ihr zu hören. Und er sitzt einfach nur da, sieht sie an und lächelt. Als der Song aus ist, dreht sie sich um, nimmt einen Schluck aus ihrem Glas und lächelt zurück. Und wenn er jetzt daran denkt, lächelt er immer noch. Er bezahlt das Bier bei der Frau, die er nicht kennt, steht auf und geht zurück, atmet noch einmal tief ein, bevor er ins Auto steigt und losfährt.

 

Tim-Julian Schneider

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